Monatsgedanke Juni 2026
In wenigen Tagen beginnen bei uns die Sommerferien – und schon vorher zieht die wichtigste Nebensache der Welt viele in ihren Bann: Die Fußball-Weltmeisterschaft steht vor der Tür. Zwei an sich recht unabhängige Ereignisse, und doch haben sie etwas gemeinsam. Ein Turnier, wie die Fußball-WM hat ein einziges Ziel – den einen Pokal, auf den alles zuläuft. Und eine Reise hat einen Ort, auf den hin man die Koffer packt. Beides lebt von einer Ausrichtung. Und so drängt sich, vielleicht zwischen zwei Anpfiffen oder auf der langen Fahrt in den Süden, eine leise Frage auf - wenn sie denn überhaupt gestellt wird: Worauf läuft eigentlich mein eigenes Leben hinaus? Was ist das Ziel und der Sinn meines Lebens? Bin ich in meinem Leben auf dem richtigen Weg, oder bin ich irgendwo - vielleicht auch unbemerkt - falsch abgebogen, habe mich gar in etwas verrannt? Verlaufen? Verirrt? Muss ich umkehren, um wieder auf den “richtigen Weg” zu kommen? Um das Ziel auch wirklich zu erreichen?
Das Wort, das die Bibel für Umkehr kennt, heißt metánoia. Es meint nicht, wie man meinen könnte, zuerst “nur” Bereuen, sondern es beschreibt eine Wende des Sinnes, eine neue Ausrichtung des ganzen Menschen: nicht stehenbleiben und sich grämen, sondern sich drehen, umkehren, zurück kehren und das Ziel wieder in den Blick nehmen – und losgehen. Denn Umkehr ist eine Sache der richtigen Ausrichtung.
Vielleicht denken Sie jetzt: Ja, aber Umkehr – das passt doch nicht zur Leichtigkeit des Sommers, zum Urlaub, zum WM-Jubel im Stadion. Doch genau hier steckt ein tatsächlich schon sehr altes Missverständnis. Unser Glaube lebt nicht vom “entweder-oder”, sondern vom “sowohl als auch”. Das Konzil von Chalzedon hat vor etwa 1600 Jahren bekannt: Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch, „unvermischt und ungetrennt". In ihm hat Gott das Menschliche nicht verachtet, sondern selbst angenommen – also auch den Leib, die Freude, das Fest, ja sogar das Spiel. Wer also meint, Gebet und Fußballbegeisterung würden einander ausschließen, der hat in diesem Aspekt die Menschwerdung Gottes nicht zu Ende gedacht. Schwer vorstellbar, dass Jesus in seiner Zeit unter den Menschen nur ernst war. Es war wohl viel mehr so, dass er etwa als Kind selbstverständlich gespielt hat, oder möglicherweise später auch mit seinen Jüngern Ball gespielt und an heißen Tagen im See gebadet hat… Aber sein Ziel, seine Orientierung, die war ihm bewusst und klar.
Und doch bleibt sie für uns relevant, diese Frage – die nach der richtigen Orientierung, nach der Ordnung und Ausrichtung meines Lebens. Augustinus hat sie so klar gesehen wie kaum ein anderer. Denn ihm zufolge sind nicht die Dinge dieser Welt das Problem, sondern ihre falsche Reihenfolge in unserem Herzen. Er nennt es den ordo amoris, also die geordnete Liebe: Vieles dürfen wir unterwegs gebrauchen und genießen, aber nur Einer ist das Ziel, bei dem das Herz ankommen und ruhen darf. „Unruhig ist unser Herz", schreibt er am Anfang seiner Bekenntnisse, „bis es Ruhe findet in dir." Die Sehnsucht, die uns durchs Leben treibt, ist im Grunde eine Sehnsucht nach Gott – nur macht sie sich allzu oft an anderen Dingen und Zielen fest, weil sie das Große noch nicht erkannt hat. Umkehr heißt darum nicht, die kleinen Freuden wegzuwerfen, sondern sie an den rechten Platz zu rücken: hinter das eine Ziel. Und dieses Ziel ist Christus selbst!
Im Lobgesang des Zacharias heißt es, Gott werde „unsere Schritte lenken auf den Weg des Friedens" (Lk 1,79). Wer sich Christus zuwendet, schlägt genau diesen Weg ein – und folgt dem nach, der selbst „unser Friede" ist (Eph 2,14).
Ein Turnier wie die Fußball-WM kennt am Ende einen Sieger und viele Enttäuschte. Der Weg aber, auf den die Umkehr zu Christus uns ruft, kennt keine Verlierer: denn Christus führt alle, die auf diesem Weg gehen, zum Ziel – zum Frieden, zur Gemeinschaft mit ihm und irgendwann einmal zur Ewigkeit bei Gott.
Am Monatsende feiern wir zwei Menschen, die die Umkehr vorgelebt haben: Petrus und Paulus. Der eine hat seinen Herrn verleugnet und durfte nach einem einzigen Blick Jesu umkehren, bis hin zur dreifachen Antwort „du weißt, dass ich dich liebe". Der andere wurde als Christenverfolger auf dem Weg nach Damaskus zu Boden geworfen und stand als ein ganz anderer wieder auf. Keiner von beiden war “fertig”, als er Christus begegnete. Beide wurden zu Säulen der Kirche – nicht weil sie nie gefehlt hätten, sondern weil sie bereitzur Umkehr waren. Ich finde, genau darin liegt ein großer Trost: Umkehr ist eben keine Sache der Makellosen, der Perfekten. Umkehren können und dürfen wir alle, jederzeit!
Vielleicht also sollten wir, sollten Sie in diesem Sommer, zwischen Anpfiff und Abpfiff, auf dem Weg in den Urlaub oder wie auch immer Sie den Sommer verbringen, einmal die Frage zulassen: Worauf läuft mein Leben hinaus? Bin ich auf dem richtigen Weg? Ist Christus mein Ziel?
Ich darf Ihnen auch im Namen des gesamten Teams des Pastoralen Raums Dillingen von Herzen eine schöne Sommerzeit wünschen und natürlich drücken wir vereint unserer Mannschaft die Daumen!
Ulrich Bruch, Diakon mit Zivilberuf



















